Rückblick: 47.Hofer Filmtage

Hof – In Bayern ganz oben, so der gern benutzte Slogan, bzw. Hof – In Sachsen ganz unten, so der ungern benutzte Slogan. Wenn man den inoffiziellen Slogan auf einem Aufkleber sieht, ist man in einer vernünftigen Kneipe gelandet. Es ist eine Kleinstadt von sovielen im ehemaligen Zonenrandgebiet, im Nirgendwo – der nächste Fernverkehrsbahnhof liegt zwei Stunden entfernt. Einen Ausflug dorthin unternimmt man am besten in der letzten Oktoberwoche, denn dann ist Hof Schauplatz der internationalen Hofer Filmtage und wird zum „Home Of Films„. Nur durch übermäßigen Bratwurst- und Bierkonsum ist es zu erklären, wie Wim Wenders auf diesen teuflischen Marketingspruch kam.

Der rote Teppich wird in Hof nicht ausgerollt, er ist schon da. Vor ein paar Jahren wurde die Fußgängerzone verkehrsberuhigt und das alte Kopfsteinpflaster durch rotgefärbte Betonsteine ersetzt. Einer Bürgerinitiative ist es zu verdanken, dass dieser nicht noch durch einen „Hofer Himmel“ gekrönt wurde. Aber das sind Randbemerkungen. Stars und Glamour im boulevardesken Sinne gibt es hier nicht. Hier gibt es Pinos Bratwurststand direkt vor dem Kino, leckeres fränkisches Bier (Scherdel ausgenommen) und ein traditionelles Fußballspiel bei dem Filmemacher gegen Festivalmitarbeiter antreten.

Aus knapp 3000 Einsendungen wählt Festivalleiter Heinz Badewitz etwa 130 aus. Neben internationalen Filmemachern debütieren und präsentieren hier auch Absolventen der bekannten deutschen Filmhochschulen ihre Werke. Hinzu kommt eine Werkschau, die dieses Jahr Michael Oblowitz gewidmet ist. Wie er selbst in einem BR-Interview sagte, sei er der Rand – hinter ihm gäbe es nichts. Es ist schwer ihn einzuordnen, sein frühes Schaffen ist avantgardistisch geprägt, er war Kameramann bei Rosa von Praunheim, der letztes Jahr zu seinem 70.Geburtstag mit 70 Filmen die Werkschau füllte, er drehte zahlreiche Musikvideos, selbst Zombies und die Nähe zu B-Movies ist ihm nicht fremd. Seine Filme fordern und sind geprägt von Paranoia, das fällt besonders in den früheren Werken wie beispielsweise Minus Zero auf. Oblowitz, stets mit Sonnenbrille und Zigarre bewaffnet, liebt das Surfen und verkörpert etwas was man Punk-Attitüde nennen kann. Man muss ihn nicht fragen, er erzählt gerne.

Zum Abschluss eine Auswahl an Filmen die ich gesehen habe.

MINUS ZERO, Michael Oblowitz, USA 1979:

Eine Vorahnung auf den Überwachungsstaat, ein paranoider Film über Stalker und Terroristen. Ich konnte nur drei Oblowitz-Filme ansehen, dieser gefiel mir am besten. Oblowitz beschreibt ihn als „Psycho-Film-noir“.

ROBERT TARANTINO, REBEL WITHOUT A CREW, Houchang Allahyari, AT 2013:

Dokumentation über den No-Budget/Trashfilmemacher Robert Tarantino. Absolut schräg und intim zugleich.

LULU FEMME NUE, Solveig Anspach, F 2012:

Auf der Flucht vor ihrem eigenen Unglück begegnet Lulu drei verschiedenen Charakteren, die sie letztendlich zu ihr selbst zurück-führen. Mir gefiel besonders die feinfühlige Stimmung.

WIEDERSEHEN MIT MARIE, Jonas Bomba & Josua Zehner, D 2013:

Karl kommt aus dem Gefängnis und würde eigentlich gerne seine Vergangenheit hinter sich lassen. Doch da gibt es noch einen alten Weggefährten der Karl unter Druck setzt. Ein kurzweiliger Film, der mir gar nicht wie 51 Minuten vorkam. Davon gerne mehr.

TEMPO GIRL, Dominik Locher D/CH 2013:

Die erfolglose Autorin Dominique flüchtet mit ihrem Freund aus dem Berliner Hipster-Dasein in die Schweizer Alpen im Wallis. Auf der Suche nach ihrem Platz, nach ihrem Erfolg, wird Dominique mit Verlust und Liebe konfrontiert. Verlassen, aber inspiriert kehrt sie zurück mit der Geschichte einer -ihrer- Generation. Ein sehr frischer Film über die verzweifelte Suche und die Flucht nach vorn.

GEHEN AM STRAND, Caspar Pfraundler AT/NL 2013:

Anja kämpft mit ihrer Diplomarbeit. Ihr Privatleben verläuft ebenso erfolglos, sie driftet in die Lethargie. Ein umstrittener Film, die meisten fanden ihn langweilig und langatmig. Empfand ich auch, sehe es aber auch als Konzept des Filmes diese Antriebslosigkeit auf den Zuschauer zu übertragen.

ANTILOPEN, Patrick Häfner, D 2013:

Ralf und Sören wollen bei Klaus Geld eintreiben. Nur scheint Klaus nicht der Klaus zu sein, den sie suchen. Plötzlich dreht sich der Plan um, denn Klaus hat die beiden reingelegt. Spannend und kurzweilig, Kurzfilm vor ANTONS FEST.

ANTONS FEST, John Kolya Reichart, D 2013:

Acht Menschen sind eingeladen zu Antons Geburtstag. Die Charaktere prallen aufeinander und generieren Konflikte. Ich glaube der Film hat den Darstellern mehr Spaß gemacht, als den Zuschauern. Ich ahnte relativ früh das Anton nicht kommen wird und hatte wahrscheinlich größere Konflikte erwartet. Kann ich nicht empfehlen, da vorhersehbar und langatmig.

ES IST ALLES IN ORDNUNG, Nicole Weegmann, D 2013:

Birgit wünscht sich eine intakte Familie. Ihre Tochter Sarah stellt die Autorität des Stiefvaters Andreas in Frage. Andreas agiert mit Sarah nach rabiater Zuckerbrot&Peitsche-Manier. Birgit verdrängt dies. Sehr überzeugend gespielt, gerade die Verdrängung, das Nicht-wahrhaben-wollen wird hier sehr gut dargestellt. Soll auch nächstes Jahr zu sehen sein.

HIOB, Marco Gadge, D 2013:

Zwei Kommissare, Berger und Stern. Berger ist Zyniker, Stern der Einfühlsamere. Berger überbringt die Todesnachrichten kühl und distanziert – bis er mit zu viel Nähe konfrontiert wird. Knapp 20 Minuten lang, schwarz-weiß, musikalische Untermalung durch Neuinterpretationen des Ascenseur pour l’échafaud Soundtracks von Miles Davis, runde Sache!

COUCHMOVIE, Isabel Braak, D/E/F 2013:

Vier Episoden erzählen von den Begegnungen zwischen Couchsurfern und ihren Gastgebern. Mischung aus Dokumentation und Film, sehr unterhaltsam und macht Lust auf Abenteuer und Reisen, weshalb ich den Film mag – ebenfalls eine runde Sache.

DER ZWEITE MANN, Christopher Lenke & Philip Nauck, D 2013:

Max Riemelt spielt Adrian, einen Wirtschaftsprüfer der eine Bilanzmanipulation entdeckt und aufdecken möchte, dabei gerät er in ein Netz in dem sein Vorgänger, mit den selben Absichten, bereits den Tod fand. Ein sehr spannender Film, soweit ich weiß nächstes Jahr bei ARD / ZDF zu sehen.

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