Seitenloge II

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 Zugegeben, Theater hat mich früher nicht interessiert. Ich hatte dazu keinerlei Zugang und verschanzte mich hinter einer Mauer aus Stereotypen. Ich hielt das fürchterlich lange für eine selbstgerechte Zelebrierung des Bürgertums, das sich und seine Wohlstandswampe in edlen Zwirn packt um sich bei einem expressiven Theaterstück im Namen der kulturellen Bildung anschreien lässt. Das epische Theater war nur ein Begriff im Deutschunterricht. Und der war bis auf die letzten zwei Jahre alles andere als anregend. Fontane war Folter.

Freiwilliges Lesen kam erst später – über die SZ Bibliothek. Damals. Die erste Ausgabe war Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – die gab es für den regulären Preis der Freitagsausgabe der SZ dazu. Wie bei diesen Modellbauzeitschriften. Die restlichen Ausgaben konnte man dann für ein Taschengeld von 4,90€ erwerben. Ich tauschte den Fünfeuroschein gegen zehn Cent und die fünfte Ausgabe: Der Untergeher von Thomas Bernhard. Das hat mich in den Bann gezogen. Hineingezogen in den Bernhardschen Sprachduktus. In die schonungslos über Seiten hinweg nicht enden wollenden Sätze mit mäandernden Wiederholungen. Dazwischen  starke Wortkonstruktionen wie der Sackgassenmensch oder der Titel selbst. Am Rande erste Notiz genommen von Stockhausen, Zwölftonmusik und später auch Österreich und Entnazifizierung.

Über Bernhard der  Zugang zum Lesen und jetzt zum Theater. Am Montag tauschte ich also den Zehneuroschein gegen einen Platz in der Seitenloge* im  Theater am Schiffbauerdamm: Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen. Sicherlich kaufe ich auch bald eine Hose aus edlem Zwirn, lege mir durch zahlreiche Jausen eine Wohlstandsplautze zu und näher mich meinem imaginierten jugendlichen Stereotyp an. Denn: mir hat das sehr gut gefallen. Ich werde dort öfter hingehen. Zu Büchners Woyzeck, Becketts Warten auf Godot – vorerst aber noch nicht zu Shakespeare. Es sei denn, es gibt den kompletten Shakespeare an einem Abend. **


* Die Seitenlogenplätze sind sehr zu empfehlen, von dort hat man einen guten Blick auf die Bühne und durch maximal zwei Sitznachbarn eine angenehmere und günstigere (10€) Position als im Parkett (20€) oder im Orchestergraben (30€).

** Ergibt Sinn wenn man Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen  kennt.

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6 Kommentare zu „Seitenloge II“

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