Cocaine Pinata

Solange es noch online ist:

Hier gibts noch die Möglichkeit:

 

 

Freddie Gibbs hatte ich hier vor zwei Jahren schonmal – damals gabs  ein paar Videos aus den EPs mit Madlib, die schon damals auf drei Ebenen überzeugten.

#1: Die Soundkulisse von Madlib

Madlibs Markenzeichen, und damit auch Herausforderung für viele Rapper, ist der Groove der seinen Beats inne wohnt. Kleine Abweichungen vom rhythmischen Raster, die beim natürlichen Spielen eines Instruments entstehen, kann man nach der Aufnahme durch sog. Quantisierung in ein vorgegebenes Taktraster verschieben. Übertreibt man es mit der Quantisierung, kann ein Musikstück starr wirken – ganz einfach da jede Note rigide im Raster liegt. Das gekonnte Durchbrechen des Taktrasters erzeugt aber erst den Groove, Swing, Drive.

Madlib ist kein Konstrukteur sondern ein Virtuose, der ähnlich einer Collage, Schnipsel aus vergangen (organischeren?) Musikepochen zusammensetzt – ganz gleich ob Soul, Jazz, Funk (oder Psychedelic Rock). Manche Kritiken halten die Soundkulisse bei Piñata für zu zurückhaltend, zu bescheiden (»low key«), ich finde sie sehr passend gewählt, sie lässt noch genügend Raum für den (noch unterschätzten) Freddie Gibbs.

#2: Freddie Gibbs

Vor über einer Dekade propagierte GURU: It’s mostly the voice. Das ist nicht falsch, verweigert aber bei dogmatischer Auslegung den Zugang zu sperrigen Stimmen. Darüber braucht sich Freddie „Gangsta“ Gibbs aber keine Sorgen machen. Klangfarblich betrachtet, ist er mit einem sonoren Bariton gesegnet und als ob das nicht reichen würde, kann er diesen auch noch rhythmisch gut variieren. Ich verstehe nicht, warum Daniel Gerhard in der Juice Bedenken über diese Zusammenarbeit geäußert hat. Die organische warmklingende Soundkulisse verschmilzt doch sehr gut mit Gibbs Raps deren Inhalt meist alles andere als warm ist. Bei laut.de beschrieb man dies folgendermaßen:

Die Kombination aus gediegenem vor sich hin soulenden Beat und Freddies Doubletime-Zeilen mag ungehört widersprüchlich wirken, funktioniert aber perfekt.

Inhaltlich handelt es sich um einen „gangster Blaxploitation film on wax„. Er zeichnet ein Bild seiner Umgebung und sozialen Prägung und versteht es besser als manch anderer Kollege dabei nicht in die Glorifizierungsfalle zu tappen und lässt zwischendurch Gefühle wie Reue durchsickern. Es geht eben nicht nur um Drogen und Kriminalität, sondern auch um Gefühle, Scham und Lügen gegenüber seiner Familie. Das liest sich so banal, war aber lange Zeit genau das Problem der Gangster-Thematik: die fehlende Beschreibung der Gefühle – denn harte Schule und Schale hin oder her, in jedem „Thug“ steckt auch ein Mensch mit Zweifeln und Skrupeln. Zwar ist Gibbs keineswegs ein geläuterter Paulus, vom unreflektierten Saulus ist er aber viel weiter entfernt, als man es ihm als Vertreter seines Genres zutrauen möchte.

#3: Die Visualisierung durch Jonah Schwartz

Schwartz versteht es geschickt, Madlibs Soundkulisse und Gibbs Worte zusammenzuführen ohne dabei lediglich Kleber für zwei Komponenten zu sein. Wie er in einem Interview berichtete, war er für das Video „Thuggin“ nur mit einer SteadyCam ausgestattet in Freddies Hood unterwegs – ein Filmteam hätte diese intime Berichterstattung so nicht einfangen können. Manch einer mag sich an dieser expliziten Darstellung stören, ihn aber nur darauf zu reduzieren wäre falsch. Er schafft es im Video „Shame“ durch geschickten Schnitt Intimität subtil anzudeuten und in der Vorstellung des Zuschauers entstehen zu lassen ohne dies explizit darzustellen. Er greift damit die Wechselwirkungen von Gibbs und Madlib gekonnt auf: auf der einen Seite ungeschonte Explikation, auf der anderen Seite gefühlvolle Subtilität – was zusammen wunderbar funktioniert.


Critically acclaimed:

Es ist das Zusammenspiel der Drei, welches bei falscher Herangehensweise ebenso gut auseinanderfallen könnte, in dem Fall aber das Können der Einzelnen unterstreicht. Während Daniel Gerhard scheinbar „nur“ das Album bewertet, davon wenig überzeugt ist und es für „ungefährlich“, „solide“ aber „letztlich unspektakuläres Handwerk“ hält, lobt Frederike in der Backspin das Gesamtkunstwerk:

 (…) In Zusammenhang mit der düsteren Ästhetik und Bildführung der beiden Musikvideos zu „Thuggin’“ und „Shame“ ist „Piñata“ als multimediales Gesamtkunstwerk einzuordnen, das einem avantgardistische Abwechslung beschert, die im Rap-Spiel heutzutage leider viel zu oft fehlt.

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2 Kommentare zu „Cocaine Pinata“

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