Wien I

Ich bin jetzt seit zwei Wochen in Wien. Da ich in der neuen Wohnung noch kein Internet habe, sitze ich momentan in einem Café, dem Café Kafka. Hier gibt es Internet, 1/8l Wein für 2€, geraucht wird massivst, um mich herum künstlerisches Klientel, viele sind allein hier, lesen und rauchen, trinken und rauchen, zeichnen und rauchen. Am Nebentisch wird über Sinn und Vernunft geredet. Vor knapp einer Woche war ich zum ersten Mal hier, nach der Heeresschau am Nationalfeiertag. Das hat mich total überfordert, ich musste einen Wein zu Beruhigung trinken. Die Innenstadt war eine Bundeswehr-, entschuldige Bundesheer-, Werbeveranstaltung. Es ist in der Tat so, wie es Karl Farkas einst sagte:

Es ist die gemeinsame Sprache die uns trennt.

Fälschlicherweise wurde und wird dieses Zitat oft Karl Kraus zu geschrieben. Es ändert nichts an der Sprachbarriere. Es gibt eine latente Ablehnung gegenüber den Deutschen. Eine Schorle zu bestellen, gleicht einem Affront. Anfänglich, sowie bei meinem ersten Besuch in Wien letztes Jahr im Sommer, dachte ich, meine fränkische Sozialisierung sei mir behilflich diese Barriere zu überwinden. Mittlerweile hab ich diese anmaßende Anbiederung abgelegt. Ich hielt es in Berlin nie für möglich es zu behaupten, aber hier, in Mitten der Fremde, als Ausländer, werde ich zum Berliner. Die meisten unterstellen mir einen Ostberliner Akzent, kann ich selber kaum glauben. Es ist natürlich viel zu früh für ein Urteil, Urteile sind an sich in ihrer Fatalität meistens falsch und stets zu früh. Und wem steht überhaupt ein Urteil zu? In Berlin ist die Sprache, Obacht steile These, proletatisch geprägt aufs wesentliche reduziert, hier dagegen gibt einen sprachlich barocken Dekorduktus, es wird mehr geredet als gesagt wird. Ich vermisse die BVG Ansagen.

Jetzt bin ich also da, wo ich dachte nie zu sein. Ich habe einen einigermaßen gut bezahlten Job, der sich im Vergleich zu den Lebenskosten schnell wieder relativiert.  Wien ist im Vergleich zu Berlin sehr teuer. Beruhigenderweise ist die Stadt ähnlich versoffen wie Berlin, woraus sich ein katastraophaler Teufelskreislauf entwickelt.

Wien ist ein Exzess, ein Wurstexzess, ein Bierexzess. Du frisst Würste, du trinkst kein Bier, du säufst Bier. Und irgendwo hat noch ein Würstelstand offen. Ne fettige Wurst nach dem Bier saufen, wie herrlich. Du möchtest auch welche zuhause haben, du kaufst welche und frisst noch mehr Würste. Mehr Würste, mehr Bier, mehr Zigaretten. Mehr Zigaretten, mehr Bier, mehr Würste. Da capo! Das Leben scheint mir hier exzessiver zu sein. Wie schon Dirk Stermann einst postulierte:

Österreich und Alkohol sind Brüder die man nicht trennen kann.

Ich arbeite wie eine Roboter, wie ein Panzer rolle ich durch den Tag. Ich verbringe die meiste Zeit, aus Mangel an sozialen Kontakten, und aus Selbstschutz vor überschäumender emotionaler Sehnsucht nach Berlin, im Theater. Manchmal gehe ich sogar Sonntags dort hin. Arbeiten gegen die Gefühle. Oder ich denke an die Panzer vorm Burgtheater.

 

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5 Kommentare zu „Wien I“

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